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Verteufelter Heavy Metal: Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte







Reto Wehrli

Telos, 2005 - 741 Seiten

Kundenbewertung:(8 Bewertungen)
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Auf lange Sicht das Standardwerk...

Von den Anfängen der "harten" Rockmusik an ist die Frage nach dem Bezug speziell dieser Musikrichtung hin zu satanisch-okkultem Gedankengut immer wieder, und häufig ausgesprochen polemisch, gestellt worden.
Es gibt wohl kaum eine vergleichbare Musikrichtung, die ähnlich umstritten ist - und der Streit geht nicht nur um ästhetische oder musikalische Qualitäten, sondern immer auch um ein (unterstelltes ?) Weltbild, das von den Musikern angeblich nicht nur privat gelebt, sondern auch öffentlich propagiert wird.
Auf diese Weise gerieten im Verlauf der letzten 3 Jahrzehnte eine Reihe von Musikern und Bands in Verdacht, offen für den Satanismus zu werben, offen brutale Gewalt zu propagieren und mit Texten, Covern, Liveauftritten und harten Rhythmen einen Lebensstil zu fördern, der schließlich in Gewaltexzessen, schwarzen Messen oder Selbstmorden gipfelt.
Berühmt geworden ist etwa der Prozeß um die Band Judas Priest, deren Album "Stained Class" die Jugendlichen Raymond Belknap und James Vance auf dem Wege subliminaler Botschaften (sogenanntes "backward masking" - das Gemeinte wird rückwärts aufgenommen und soll so das Unterbewußtsein beeinflussen) in den Selbstmord getrieben haben soll - ein Prozeß, der mit einem klaren Freispruch für die Band endete, der aber deutlich machte, welche Ängste und Sorgen in Bezug auf harten Rock herrschen.
Das vorliegende Buch nun hat sich zur Aufgabe gesetzt, den vielen Gerüchten, die sich um den Heavy Metal ranken, auf den Grund zu gehen, und darüber hinaus nicht mehr und nicht weniger zu bieten, als ein "komplettes Kompendium der Musikzensur im angloamerikanischen und deutschen Sprachraum" darzustellen.
Ein Versuch, der - soviel möchte ich vorneweg bereits betonen - derart gelungen ist, dass sich wohl jede künftige Darstellung des Themas "Heavy Metal und Satanismus" daran wird messen lassen müssen, und der zugleich zu deutlicher Zurückhaltung im Bereich der Zensur mahnt.
Die äußere Form ist allerdings zunächst einmal abschreckend: Mehr als 400, äußerst eng bedruckte Seiten und mäßig reproduzierte Bilder schrecken auf den ersten Blick ab, und auch die schmale Auflage von 750 Exemplaren deutet an, dass Sparsamkeit beim Druck geherrscht haben muß.
Ignoriert man allerdings diese oberflächlichen Kritikpunkte, und läßt man sich auf eine Lektüre ein, wird man das Buch sobald nicht mehr aus der Hand legen.
Kenntnisreich ist es, sorgfältig gearbeitet und an vielen Stellen gibt es harte, aber durchaus verdiente Urteile über wirklich schlechte Bücher vor allem aus evangelikal-fundamentalistischen Kreisen.
Zu den heftig kritisierten Büchern gehören neben Ulrich Bäumers knappen Traktat "Wir wollen nur deine Seele" (dieses Buch wird freilich nicht ausführlich kritisiert) und John Rockwells "Trommelfeuer" auch einige Schriften von Friedrich Wilhelm Haack, wobei sich gerade bei der Kritik dieser Schriften zeigt, dass Wehrli differenziert urteilen kann. Dies sollte der zu erwartenden Gegenkritik aus evangelikalem Lager ein Stück weit den Boden entziehen.
Besonder hilfreich, und zum Teil sogar für mich überraschend, ist die Art und Weise, wie Wehrli viele "Legenden", die im Lauf der Jahre immer wieder abgeschrieben wurden, als solche enttarnt, um sie dann auf den Boden des tatsächlichen Geschehens zurück zu führen.
So hält sich hartnäckig die Behauptung, dass der Farbige Meredith Hunter 1969 beim Festival in Altamont von den als Ordnungskräften engagierten "Hell`s Angels" erschlagen wurde, während auf der Bühne die Rolling Stones "Sympathy for the Devil" spielten. Suggeriert wird damit, dass ein Zusammenhang zwischen dem Satanismus der Rolling Stones und dem brutalen Tod dieses Konzertbesuchers besteht und es entsteht der Eindruck, dass der Tod von Hunter eine Art satanisches Menschenopfer gewesen sein könne. Dieser Bericht stützt sich vor allem auf das Buch "Die Rolling Stones" von Tony Sanchez, der meist kritiklos zum intimen Freund der Rolling Stones erklärt wird. Tatsächlich allerdings fungierte Sanchez vor allem als Drogendealer für die Rolling Stones - allein schon von daher müssen seine Bücher kritisch gelesen werden. Bessere Quellen liefern dagegen der Film "Gimme Shelter", der beim Konzert gedreht wurde, und das Gerichtsverfahren gegen den mußmaßlichen Mörder, den "Hell`s Angel" Passaro: Dieses endete mit einem Freispruch wegen Notwehr, da eindeutig zu belegen war, dass Meredith Hunter die Hell`s Angels mit einem Revolver bedroht hatte. Und der Film "Gimme Shelter" zeigt ebenso deutlich, dass die Rolling Stones den Tod von Hunter weder sehen konnten, noch dass sie zu diesem Zeitpunkt "Sympathy for the Devil" spielten.
Gleichzeitig allerdings zeigt Wehrli auch deutlich, dass das Konzert von Altamont, bei dem neben Hunter im Gedränge noch weitere Personen zu Tode kamen, ein Fiasko war, dass Eitelkeit oder Dummheit speziell Mick Jaggers entsprang. Auch hier also eine differenzierte Darstellung, die das Negative benennt, aber falsche Schlüsse zurück weist.
Diese Form der Darstellung zieht sich durch das ganze Buch.
Immer wieder werden oft kolportierte Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt hin befragt ohne dass damit einfach alles gut geheißen wird. Die Darstellung der "Böhsen Onkelz" etwa kommt zu dem Ergebnis, dass die "Böhsen Onkelz" weder rechts noch links sondern schlicht unpolitisch sind (zu Recht !) - dass sie aber musikalisch und textlich zugleich von so "simpler Denkart" sind, dass der anhaltende kommerzielle Erfolg der Band dringend eine analytische Betrachtung erfordern würde.
Und die brutalen "Auswüchse aus dem Untergrund", speziell der norwegische "inner circle" mit seinem bis nach Sondershausen reichenden Arm, wird klar und deutlich aufgrund seines Gewaltpotentials und seines rechtsextremen Weltbildes verurteilt - eine klare Wertung, die das Buch erfreulich deutlich von Moynihans weitgehend unkritischem "Lords of Chaos" abhebt.
Neben diesen "Entmythologisierungen" sind vor allem zwei Ausführungen hervorzuheben: Zum einen eine vor allem psychologisch fundierte Kritik der Theorie des "backward maskings" (S.111 - 129, Wehrli selbst ist Psychologe, der als Redakteur für den Basler Mediendienst arbeitet), die zu dem Ergebnis kommt, dass "der Glaube an die Wirksamkeit von Rückwärtsbotschaften ein Glaube bleibt" (S.129) - und das unabhängig davon, dass manche Bands tatsächlich Rückwärtsbotschaften in ihre Songs einbauen.
Zum anderen zeigt eine lange Liste von in Deutschland zensierten Musikern und Bands auf S.226 - 319, wie absurd Zensur häufig vorging (zu den zensierten Musikern gehören z.B. H.D. Hüsch und Udo Jürgens). Dieser lange Abschnitt über Musikzensur in Deutschland macht das Buch dann auch weit über die Zielgruppe der Heavy Metal Fans hinaus interessant.
Wo viel Licht ist, ist aber auch einiger Schatten: Bisweilen sind die Urteile - vor allem über die Heavy Metal Gegner - überzogen polemisch, und insgesamt entsteht der Eindruck, dass die durchaus differenzierte Betrachtungsweise, um die sich etwa der Materialdienst der EZW bemüht, nicht bekannt ist oder nicht gewürdigt wird. Und der Bereich des christlichen Heavy Metal scheint dem Verfasser so gut wie überhaupt nicht bekannt zu sein, wie z.B. eine Aussage über die christliche Band "Petra" auf S.117 zeigt. Dies sind allerdings kleine Schatten, die den hervorragenden Gesamteindruck kaum trüben.
Insgesamt erhält man ein Buch, das neben einer kenntnisreichen Geschichte des Heavy Metal die Frage nach der Berechtigung und Anwendung von Zensur so deutlich stellt, dass man ihm eine breite Leserschaft wünscht.


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Ein Meilenstein!

Reto Wehrli hat sich nunmehr, mit der überarbeiteten Zweitausgabe seines Buches "Verteufelter Heavy Metal", selbst übertroffen und sich ein eigenes Denkmal gesetzt. Über 700 Seiten voll von akribischer Recherchenarbeit, die in ebenso akribisch formulierten Thesen zu Ende gedacht werden. Reto Wehrli legt definitiv kein Sachbuch vor, sondern eine umfassende Aufbereitung des Zeitalters der harten Musik, beginnend im Blues und endend in den Brachialgenres der gegenwärtigen Zeitgeschichte.

_Die Struktur:_

Alles hat seinen Anfang, ebenso die Musikrichtung, die wir alle so inständig lieben. Wehrli strukturiert sein Werk "Verteufelter Heavy Metal" eng nach der Zeitgeschichte des harten Rock. Dabei werden die begründenden Genres wie der Blues mit in die Entstehungsgeschichte einbezogen, die sich fortlaufend als Selbstgänger erweisen sollte. Wehrli arbeitet im ersten Drittel detailiert die Motivation der Szene auf, die die Entwicklung einer solchen, global minderheitlichen Szene, überhaupt erst ermöglichte. Dabei werden die wichtigsten Eckpfeiler und Daten des Genres genau unter die Lupe genommen, zu denen mit Sicherheit die Bandgründung von BLACK SABBATH, die NWoBHM oder die Kirchenbrände in Norwegen Anfang der Neunziger Jahre gehören.

In diesem Zusammenhang lässt Wehrli die Botschaften der Künstler, wie auch die oftmals von Kritikern hineininterpretierten Botschaften nicht unbeachtet. Vielmehr geht er sehr tiefreichend auf diesen doch eklatanten Aspekt der Heavy-Metal-Geschichte ein. Zensur wird zu einem großen Thema und die konservative Opposition gegen die Metalströmung zu einem Schwerpunkt des Buches. Katholische Traditionalisten, evangelische Fundamentalisten, Zeugen Jehovas, aber auch die Apostel bundesdeutscher Sittenwächter werden aufgrund ihrer oftmals, leider auch hinreichend belegten, ignoranten Haltung gegenüber einer Popkultur, mit umfassenden Kapiteln bedacht. Dabei kommen auch die bedauernswerten Beispiele des Heavy Metal, wie die thüringische (pseudosatanistische - die Band ABSURD) und norwegische Strömung (die Kirchenbrände) der beginnenden Neunziger Jahren, zum tragen, die fernab allem plakativ zur Schau getragenen Okkultismushangs der Musik, eine neue, schädigende Seite hinzufügte. Somit spannt Wehrli seinen Bogen von den BEATLES und dem mit ihnen verbundenen Aufkeimen des Rock'n'Rolls, bis hin zum NS-Black-Metal und beleuchtet dabei nicht nur spektakuläre, juristisch belegbare Oberflächenprozesse, sondern auch Pre-Zensur durch die Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Sender.

Dem Thema "sublime Botschaften" und "backward masking" (Einbau rückwärts abgespielter Sprechtexte in Rocksongs) widmet Wehrli ein komplettes Kapitel und gibt einen kurzen Überblick über die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es zu dem Thema gibt. Einen sehr spannenden Bereich bearbeitet Wehrli im anschließenden Teil seines Werkes, der Auseinandersetzung mit den bisher erschienen Lektüren wider den Heavy Metal. Gnadenlos und teilweise augenzwinkernd deckt der Schweizer Fehler der jeweiligen Autoren auf, die manchmal sogar zur Verbreitung irgendwelcher Albenklappentexte führte, die weltweit überhaupt nicht existieren. An dieser Stelle sei nicht zu viel erwähnt. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Heiterkeit, wie die teils hanebüchenen Aussagen der federführenden Wortgeber der jeweiligen Antigruppierungen geschichtlich belegbar demontiert und preisgeboten werden.

Der Ansatz des Sittenschutzes nebst Falldarstellungen und die damit einhergehende Zensurthematik bildet einen weiteren Schwerpunkt. Zunächst geht Wehrli die Problematik anhand einiger global Beispiele an und vertieft diesen Aspekt dann in gezielt ausgewählten Fällen, die Zusammenhänge zwischen Heavy Metal/Sex, Gewalt und Satanismus offerieren. Er arbeitet dabei flächendeckend, bedenkt solch unterschiedliche Künstler wie JERRY LEE LEWIS, IRON MAIDEN oder SLAYER wertfrei, jedoch nicht, ohne vielerorts auf die Unlogik der jeweiligen Zensuransätze hinzuweisen.
Wehrli beschränkt seine Recherchen dabei nicht auf einen bestimmten Kontinent, sondern widmet eine besonders ausgiebige Besprechung dem europäischen Markt und deren schwermetallischen Aushängeschildern. So werden natürlich, aber nicht ausschließlich, plakative Schockbands wie ROCKBITCH oder BELPHEGOR unter die Lupe genommen. Wehrli widmet sich schlussendlich auch polarisierenden Künstlern wie zum Beispiel ROBBIE WILLIAMS, den FANTASTISCHEN VIER oder RAMMSTEIN, die nur wenig oder gar nichts mit Heavy Metal zu tun haben.

_Fazit:_

Es ist wirklich nicht ganz einfach, die schreiberische und recherchierte Dichte dieses Werkes umfassend darzustellen. Reto Wehrlis "Verteufelter Heavy Metal" ist mit Sicherheit nicht nur die ausgiebigste Auseinandersetzung mit dem Thema Heavy Metal, sondern auch die weitreichendste Argumentationshilfe für alle diejenigen, die sich manchmal mit den stereotypen Vorwürfen jedweder Sittenwächter konfrontiert sehen. Wehrli arbeitet die einzelnen Fallbesprechungen umfassend auf, setzt die Denkansätze des vordergründig wertfreien Jugendschutzes in Verbindung mit den Resultaten der jeweiligen Rechtsprechung und deckt dabei mehr als einmal unlogische und unpassende Handlungen internationalen Rechts auf. Desweiteren ergänzt der Autor seine immens erfolgreiche Erstauflage mit kulturwissenschaftlichen Querbezügen, bei denen sich vor allem der Schwerpunkt Japan als sehr interessant herausstellt, schlägt Brücken zu anderen Medien und wirft dabei auch weitreichende Blicke auf Splattermovies und japanische Mangas.

Zudem verwendet der Autor zahlreiche Fotographien und Lyrics, die im direkten Zusammenhang mit den jeweiligen Themenschwerpunkten aufgearbeitet werden. Abgerundet wird das Werk durch eine Diskographie der im Buch genannten Bands.

Es bleibt am Ende ein rundum gelungenes Werk, das hoch informativ die Geschichte des Heavy Metal aufarbeitet und sich liebevoll detailgetreu mit ihr auseinandersetzt. "Verteufelter Heavy Metal" ist die Grundlage und ist das definitive Standardwerk zum Thema Musikzensur.


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Endlich eine arbeit mit wissenschaftlichem Anspruch !!!

Reto Wehrli hat mit diesem Buch eine umfangreiche lesenswerte und wissenschaftliche Arbeit zum Thema Heavy Metal und Musikzensur abgeliefert. Der wissenschaftliche Schreibstil tut dem Lesevergnuegen keinen Abbruch. Das Buch ist sehr gut recherchiert, versucht stets sachlich zu bleiben, verliert sich nicht in Haarspaltereien und stellt u.a. auch die Denkweisen des Satanismus der Marke Lavey vor, konsequenterweise ohne dazu persoenlich-inhaltlich Stellung zu nehmen.

Egal ob man die Metalszene und -philosophie als Aussenstehender besser verstehen will, ob man sich als eingeschleischter Metalfan selbst besser kennenlernen moechte, ob man angesichts obskurer Satanismus-Anschuldigungen an Mainstream-Bands schmunzeln moechte oder ob man sein Bewusstsein einfach nur im Hinblick auf "Kann man alles glauben was schwarz auf weiss steht" erweitern moechte, der liegt mit diesem Buch goldrichtig !!!


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ein interssantes Buch zu einem interessanten Thema

Ich kann mich der Meinung der anderen Rezensenten eigentlich nur anschliessen. Es handelt sich hierbei um ein wirklich formidables Buch. Durch die gute Gliederung sollte es sich ausschnittsweise auch gut im Schulunterricht einsetzen lassen. Trotzdem nur vier Sterne? Ja, denn das erste Kapitel, in dem Wehrli sich zum Heavy Metal allgemein und zu seinen Untersparten äussert, ist arg missglückt. Die Beschreibung des Heavy Metal ist klischeehaft und könnte glatt aus meinem miesen alten Musikbuch abgeschrieben sein. Die Beschreibung der Subkategorien ist schwammig, was ja eigentlich auch nicht anders zu erwarten war. Nur wenn etwas so schwammig ist, warum dann die Abgrenzungen? Zumal sich hier dann auch noch Fehler eingeschlichen haben. So sind Atheist alles, aber keine Black Metal Band. (Und wo wir gerade bei Fehlern sind: Gorefest sind aus den Niederlanden, nicht aus Schweden...) Hätte er das erste Kapitel weggelassen, das Buch wäre immer noch dick genug gewesen, niemand hätte etwas vermisst und ich hätte fünf Sterne vergeben. Insgesamt ist es aber dennoch ein sehr gutes, sauber recherchiertes Buch. Dazu noch sehr kompakt und humorvoll geschrieben. Wenn ich daran denke, dass Wehrli beim Verfassen erst 27 Jahre alt war...
Eine saubere Leistung. Chapeau! Diese Buch wird wahrscheinlich für Jahre die Referenz zu dem Thema sein. Schade nur, dass die Qualität der Buchbindung nicht der Qualität des Textes angemessen ist, so dass sich bei mir schon beim ersten Lesen Seiten gelöst haben...


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Gefährliche Verharmlosung

Was dem Titel nach eine nüchterne Bestandsaufnahme zu sein scheint, erweist sich als Verteidigung des Heavy Metal und als ein Plädoyer gegen Zensur überhaupt.
Gleich zu Beginn argumentiert Wehrli (S. 2): Der Lieblingsschriftsteller Adolf Hitlers war Karl May, der Terrorist Andreas Baader las gerne Asterix"-Hefte, und zwei der drei Jugendlichen, die 1993 in Sondershausen einen andern Jugendlichen erdrosselten, spielten in einer Black-Metal-Gruppe. Nun würde man weder behaupten wollen, Karl May wäre für den Nationalsozialismus verantwortlich, noch, Asterix" für die terroristischen Taten Baaders. Warum also sollte man den Black Metal für die Morde von Sondershausen verantwortlich machen? Diese Überlegungen", so Wehrli, sollen auf die Tatsache aufmerksam machen, dass Kunstprodukte oft willkürlich mit sehr unterschiedlichen Ellen gemessen werden." Dabei hat er erstens nicht bedacht, daß Musik eine wesentlich intensivere Wirkung ausübt als Literatur - sie ist der stärkste Reiz für neuronale Umstrukturierung, den wir kennen", wie der Hirnforscher Eckart Altenmüller sagt. Zweitens hat er nicht die Rolle berücksichtigt, welche die jeweilige Kunstform im Leben der Personen spielte. Die Sondershausener Mörder waren in der Musik aktiv, während Hitler und Baader nur Rezipienten der Literatur waren. Und schließlich bekannte einer der Sondershausener Mörder vor Gericht selbst, daß die Musik die Tat beeinflußte.
Vieles geht am Kern der Sache vorbei. So wenn Wehrli sagt, der satanische Gruß" habe ursprünglich einmal die Funktion gehabt, den bösen Blick" abzuwehren (S. 62). Das mag sein, aber wird er von den Rockgruppen und ihren Anhängern auch so verstanden? Und wenn Wehrli schreibt, das Bild auf der LP Highway to Hell" von AC/DC" mit einem gehörnten und teufelsschwänzigen Gruppenmitglied will keinen Satanismus propagieren, sondern illustrieren, dass Hardrocker mit Wonne böse Buben sind" (S. 79), dann frage ich, wo im Ergebnis der Unterschied sein soll.
Immerhin nennt Wehrli auch Fälle, in denen Heavy-Metal-Musiker tatsächlich satanistische Ideologien verkörpern, doch sei das meiste nur Schau, Attitüde, Kalkül oder Spaß. Er mag manchmal recht haben, nur ist es verhängnisvoll, daraus die Harmlosigkeit der Musik und ihrer Texte ableiten zu wollen. So streitet Wehrli ab, daß das Ich-Subjekt des Liedes Hell's Bells" von AC/DC" Satan sei. Doch diese Frage ist nebensächlich. Sobald du auf Böses stehst, bist du ein Freund von mir" heißt es in dem Lied, und darum geht es: Rockmusiker geben ein schlechtes Vorbild ab; ob im Namen Satans oder nicht.
Auch die Kritik, daß Heavy Metal Hörer in den Selbstmord getrieben hat, wird von Wehrli zurückgewiesen. Gewiß bringt sich niemand nur deswegen um, weil er gerade ein bestimmtes Musikstück gehört hat. Doch Rockmusik schaltet das rationale Denken aus und kann sehr wohl eine emotionale Kurzschlußhandlung hervorrufen. Außerdem haben die Selbstmörder ihre Gehirne schon seit langem mit dieser Musik programmiert und Aggressionen aufgebaut, die sich auch gegen die eigene Person richten können.
Freilich meist gegen andere. Wehrli erwähnt selbst die Serie von Kirchenbrandstiftungen in Norwegen durch den Circle of Black Metal" und von Heavy-Metal-Musikern . Die Mitglieder des Circle" hätten, wären sie zehn Jahre früher jung gewesen, vermutlich zum Punk gegriffen und wären dennoch bei denselben antisozialen Aktivitäten gelandet" (S. 329), meint Wehrli. Ja, vielleicht hätten sie zum Punk gegriffen. Aber eben zu einer anderen Art aggressiver Musik! Die Tatsache, daß ein Mörder in Ermangelung eines Revolvers zum Messer gegriffen hätte, beweist nicht die Harmlosigkeit des Revolvers.
Jeglicher Grundlage entbehrt auch Wehrlis Behauptung, es sei gerade das schwere Ausmaß dieser Straftaten, das simple Ursachenzuschreibungen zu Lasten medialer Einflüsse verhindert" (S. 336), sind doch auch für schwere Straftaten mediale Ursachen in zahlreichen Untersuchungen festgestellt worden. Selbstverständlich sind es immer mehrere Faktoren, die zu einer Straftat führen; das darf uns aber nicht daran hindern, jede dieser Ursachen ernst zu nehmen.
Die Tatsache, daß die meisten Heavy-Metal-Kritiker Christen oder Anthroposophen sind, veranlaßt Wehrli zu erbitterter Häme; ihre Glaubenssysteme werden zerpflückt, ihre Bücher Schundbücher" oder perfide Pamphlete" genannt. Wenn man einerseits einen rockmusikkritischen Roman als erbärmliches Elaborat" und Pfuschwerk" bezeichnet, jedoch andererseits Texte in Schutz nimmt, die von der Lust am Foltern oder am Sex mit Leichen handeln, disqualifiziert man sich selbst.
Sogar ideologisch unabhängige, wissenschaftlich fundierte Werke wie Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien" von Werner Glogauer (Pfuschband") und Gefährliche Musen" von Hartmut Heuermann und Matthias Kuzina finden vor Wehrli keine Gnade. Wo Heuermann/Kuzina resümieren, mediale Gefahren seien Gefahren sui generis" und daher nicht mit Hinweis auf andere Gefahren aus moralischen, politischen, wirtschaftlichen u.a. Fehlentwicklungen" zu entschuldigen, wirft Wehrli (S. 191) ihnen Inkonsequenz darin vor, daß sie andererseits konzedieren, die Schnittstelle zwischen Subjekt und Objekt" sei zu berücksichtigen. Das ist jedoch keine Inkonsequenz, sondern es sind zwei gleichermaßen reale Aspekte des Problems: Gewaltverherrlichende und pornographische Medieninhalte sind eine Gefahr, die auf jeden Menschen wirken kann - ob er sich dieser Gefahr aussetzt, und auf welche Mit- und Vorbedingungen sie bei ihm stößt, stellt die Gefahr als solche nicht in Frage.
In den Jahren seit dem Erscheinen von Wehrlis Buch sind weitere Erkenntnisse über die Entwicklung des Gehirns und über die Wirkungen von Musik publik geworden, welche die Gefährlichkeit aggressiver Musik bestätigen. Doch schon in den 80er Jahren wies Paul King einen Zusammenhang zwischen Heavy-Metal-Konsum, Gewalt- und Drogenkriminalität sowie frühreifer Sexualität nach. Wehrli erklärt diese Studie für ungültig, da sie an Psychiatriepatienten erfolgt sei. Mit gleichem Recht könnte man eine Studie zurückweisen, die einen Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Lungenkrebs zeigt, nur weil sie an Krankenhauspatienten erfolgte.
Überraschenderweise führt Wehrli den seit den 90er Jahren in der Schweiz und in Deutschland zu verzeichnenden Anstieg der Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen auf das reale Vorbild der gewaltbereiten 'Posses' der Rap- und HipHop-Szene in den USA" zurück, das sich sehr viel nachhaltiger auswirkte als jedes fiktive Kunstprodukt." (S. 220). Dabei gibt es auch unter Heavy-Metal-Musikern zahlreiche reale Vorbilder" für kriminelles Verhalten. Warum leugnet Wehrli beim Heavy Metal, was er beim Rap bereitwillig zugibt?
So wird also im Widerspruch zu empirischen Erkenntnissen und wissenschaftlichen Studien ein vorgefaßtes Weltbild verteidigt, in welchem medialer Gewalt eine Wirkung von vornherein abgesprochen wird. Für die Freiheit der Kunst" - soweit man hier von Kunst sprechen kann - einzutreten, mag ein hehres Ziel sein; doch man sollte dann auch zu den Folgen stehen.
Wenn ich dennoch drei Sterne gebe, dann wegen der aufschlußreichen Materialsammlung, die das Buch trotz allem darstellt.


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