Betrachtet man hingegen den schmalen Band (der Kerntext von 1991 umfasst 100 Seiten, davon 43 Seiten Tafeln und Abbildungen) als eine Abhandlung zur „stratigraphischen Grundlegung der Paläoanthropologie" (Untertitel), dann kann man von einem wirklich gelungenem Werk sprechen. Heinsohn weist akribisch und überzeugend nach, dass sowohl die (absolute und relative) Menge, vor allem aber eben die spezifische Lage der bisher dokumentierten Funde hominider Überreste in keiner nur denkbaren Weise die herkömmliche Theorie von der Entstehung des Menschengeschlechts stützt. Zwar ergeben sich aus der Fundlage allein keine im Detail zwingenden Schlüsse, doch scheinen folgende Positionen unabweislich:
1. Der von der herkömmlichen Theorie entworfene Zeitrahmen von mehreren Millionen Jahren kann nicht einmal annähernd stimmen. Er ist viel zu lang.2. Der von der darwinistischen Evolutionstheorie postulierte Gradualismus (Entwicklung der Arten durch viele kleine Veränderungen) stimmt mit dem Fundmaterial nicht nur hie und da, sondern überhaupt nicht überein. (Dies gilt im übrigen nicht nur für die Hominiden sondern schlicht für alle Funde.)3. Allen bisher identifizierten Hominidenarten (und/oder Gattungen) ist gemeinsam, dass die jeweils nächstverwandten Gruppen gemeinsam auftreten.
Mit diesen von der Stratigraphie her hervorragend ausgearbeiteten Thesen liegt nun ein Befund vor, der eine weitere These fast zwingend macht: die Evolutionstheorie unserer Lehrbücher ist falsch! Sie zeigt nicht bloß da und dort geringe Mängel, sondern sie ist als ganzes falsch! Von da ab werden Heinsohns Ausführungen jedoch unklar und verwirrend. Das beginnt bereits bei der Bewertung dieser Einsicht als solcher. Heinsohn verweist freilich darauf, dass damit 150 Jahre Forschung verloren sind und er erkennt auch den tieferen Charakter der Evolutionstheorie als „Ersatzreligion". Umso erstaunlicher ist es allerdings, dass er dies fast durchwegs in Nebensätzen konstatiert, so als ob es sich um ein bloß beiläufiges Ereignis handelt, wenn eine der zentralen Stützen unseres Weltbilds in sich zusammenfällt.
Warum geht das so locker? Nun, das eigentlich erschütternde ist ja nicht, dass diese Theorie falsch ist, sondern der Umstand, dass wir damit überhaupt keine Theorie zu unserer Herkunft mehr haben. Und genau das wird von Heinsohn nicht nur nicht gesehen, sondern aktiv verschleiert. Der von ihm herangezogene Ansatz der biologischen „Außenseiter" Gould und Eldredge ist ja nicht mehr als eben das: ein Ansatz. Tatsächlich handelt es sich bei diesen und vergleichbaren Ansätzen um eine phänomenologische Darstellung der Fundsituation, also um Aussagensysteme, die die Fundsituation bloß beschreiben. Und das ist für eine ernstzunehmende Alternativtheorie bei weitem zu wenig.
Die scheinbar beruhigende Tatsache, dass die These von der Hominidenevolution in abrupten Sprüngen - so Heinsohn - „bereits in College-Lehrbüchern" erscheint, verschleiert doch nur das Faktum, dass wir schlicht keine Ahnung haben, wie diese Sprünge vonstatten gehen. Da nützt auch der Rückgriff auf den 200 Jahre alten Katastrophismus des Baron Cuvier nichts. Denn selbst wenn wir genau wüssten - was nicht der Fall ist - welcher Art diese Katastrophen waren, blieben immer noch deren Wirkungen auf die Entwicklung der organischen Strukturen kausal zu erklären.
Eine solche Erklärung müsste gemäss dem gegenwärtigen theoretischen Ensemble der Naturwissenschaften - in dem die Bildung von makroskopischen organischen Strukturen durch mikroskopische Ereignisse im Genom mechani(sti)sch erklärt wird - auf der Ebene der Molekularbiologie stattfinden. Und so formuliert denn auch Heinsohn wiederum scheinbar beiläufig die „Aufgabe für die Mutationsgenetik": „Sie muss darüber nachdenken, wie eine dramatische Wandlung des elektrischen und ökologischen Milieus die Umcodierung des Erbmaterials hervorbringt." Aber das ist erst die halbe Aufgabe. Deren zweiter Teil bestünde darin, die gleichzeitige und gleichförmige (mechanische?) Wirkung des mutmaßlichen katastrophalen Ereignisses auf alle (oder doch ausreichend viele) individuellen Genome einer Art zu erklären. Denn genau das folgt aus Heinsohns These, dass mehr oder weniger gleichzeitig mehr oder weniger alle Neandertalerinnen Homo sapiens-Kinder zur Welt brachten.
Wenn es auch nicht gleich auffällt, auf den zweiten Blick muss klar sein, dass ein solches von den Phänomenen her durchaus zu Recht postuliertes Ereignis nicht mehr nur im Rahmen der gängigen Evolutionstheorie undenkbar ist. Weit darüber hinaus ist es mit unserer basalsten Theorie, der von der probabilistischen Natur der Materie selbst schlicht unvereinbar.
Mit dieser wenig tröstlichen Aussicht möchte ich meine ohnehin schon überlange „Rezension" auch schon beenden. Nochmals zusammengefasst: Heinsohn weist anhand der Stratigraphie von Fundstellen überzeugend die Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Theorien der Hominidenevolution sowie der Evolutionstheorie insgesamt nach, präsentiert dann aber ein paar vorschnelle Antworten, die darüber hinwegtäuschen, dass wir im Grunde keine Ahnung haben, wie das alles vor sich ging. Er gibt vor, über eine Alternativtheorie zu verfügen, die quasi kurz vor der Aufnahme in die Lehrbücher steht und verzerrt damit das reale Faktum, dass der vermeintlich tote Darwinismus nach wie vor deshalb uneingeschränkt herrscht, weil er mangels schlüssiger Alternative als „Ersatzreligion" für die Wahrung des naturwissenschaftlichen Seelenfriedens dringendst gebraucht wird.