Das konsequente Produkt eines Genies | Die Wissenden: Roman | Mircea Cartarescu
Bücher:
Die Wissenden: Roman
Mircea Cartarescu
Deutscher Taschenbuch Verlag
, 2009 - 528 Seiten
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Kauftipp
Meisterwerk oder gar Geniestreich ?
"Die
Wissenden
" ist ein absolutes Meisterwerk. Eines der schönsten, erinnerungswürdigsten und stärksten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es ist jedoch auch eines dieser Bücher, die sich mit all ihrer Komplexität und Chimärenhaftigkeit nicht wirklich beschreiben lassen und sich einer wirklichen Analyse, oder dem Versuch einer Beschreibung verschließen. Organisches und Anorganisches wechselt sich ab und verschmilzt, überbordendes Material lässt einen oft vermeintlich den Überblick verlieren. Ausgangspunkt und bindende Kraft für diese Materialüberfülle ist ein vermeintliches Selbstportrait des Autors, oder auch eines Alter-Egos mit Namen Mircea, sowie ein Portrait seiner Eltern, vor allem der Mutter des Ich-Erzählers. Einen weiteren Protagonisten (vielleicht sogar die wichtigste Ebene) hat dieses Buch, die Stadt Bukarest, eine Hommage, die vielleicht, wenn auch nur entfernt, mit der liebevollen Hommage Guillermo Cabrera Infantes ("Drei traurige Tiger") an Havanna zu vergleichen ist.
Mircea Cartarescus "Die Wissenden" ist ein ganz besonderes Buch, von erlesener (intellektueller) Schönheit, ein Buch, das anregt, kitzelt, den Leser immer fordert und sich diesem jedoch nie ganz öffnet. Wunderbar.
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Das konsequente Produkt eines Genies
Cartarescus Prosa ist ein kaleidoskopisches Ensemble überbordender Phantasie, ein Konglomerat autobiographisch versetzter, pseudolinearer Erzählströme, vor Neologismen triefenden Beschreibungen einer organischen Welt und anatomisch exaktesten Analysen einer scheinbar infiniten Universalflora und Fauna. Wiederkehrende Stilmittel wie beispielsweise der unendliche Regress, den Cartarescu sehr gerne verwendet, geben dem Werk einen - jedoch nur scheinbaren - Halt. Das fluoreszierende, surreale, organische Bukarest, in dem es vor abstrusen, mysteriösen und eigenartigen Individuen nur so wimmelt, ist der vermeintliche Schauplatz dieses monumentalen Epos, das die Fantasie vieler bis zur Schmerzgrenze ausreizt. Der Autor erlaubt sich hier die maximale Freiheit: plötzliche Schauplatzverlagerungen, ein nach Belieben stattfindender Wechsel zwischen Realem und Surrealem, sowie das Sichverlieren in panoramaartigen, genausten, von profundesten Kenntnissen zeugenden Analysen von Menschen, Tieren - und hier vornehmlich Insekten - und Landschaften malen ein immenses Bild eines Universums, in dem scheinbar alles möglich ist. Der Autor brilliert durch seine, bis in die mikroskopischsten Ebenen noch exakt zu verfolgenden, mit Magie und geometrischer Kenntnis durchsetzten Schilderungen. Indem Cartarescu mit fast allen Regeln der Linearität und der traditionellen
Roman
konstruktion bricht, befreit er sich aus selbstauferlegten Fesseln und erreicht eine narrative Dichte, die den Leser oft bis vor die Überforderung seiner Phantasie bringt. Seine mentalen Bilder werden von Worten umflossen, die seinen Schilderungen eine bisher noch nie dagewesene Magie verleihen. "Die
Wissenden
" ist das konsequente Produkt eines Genies und gehört sicherlich schon jetzt mit zum Bedeutendsten, was die rumänische Literatur hervorgebracht hat.
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Magisches Meisterwerk
Der erste Teil von Cartarescus Trilogie "Orbitor" ist ein Buch, das einen vom ersten Satz an gefangen nimmt. Mit jedem weiteren wird man tiefer hineingesogen in diesen Strudel aus suggestiven Bildern, Metaphern, diamantgleich geschliffenen Wendungen und Ahnungen von unbeschreiblicher Schönheit. Cartarescu verwebt mit eindringlichen, kräftigen Worten Autobiographisches mit Fiktivem, Reales mit Geträumtem; eingestreute Gedankenexkurse führen oft zu hymnischen Elaborationen und metaphysischen Betrachtungen.
Der Dichter - hier kann man dieses Wort getrost gebrauchen - erscheint als Mystiker, inspiriert von so unterschiedlichen (und fundamental doch ähnlichen) Strömungen wie rumänischem Volksglauben und christlich-orthodoxer Sagenwelt, der Kabbalah, vedischer Kosmologie und "harter" Naturwissenschaft. Letzteres äußert sich in wortgewandten Beschreibungen menschlicher Physis; eine Kunstfertigkeit, die mich zum Irrglauben verleitete, der Autor habe Medizin o.ä. studiert. In Verbindung mit der Tatsache, daß Cartarescu ein Philologie-Studium absolviert hat, legt das Werk Zeugnis ab von einem vielseitig interessierten, allgemein gebildeten Dichter mit großem holistischen Verständnis des Menschen und der Welt.
Fazit: Sicherlich kein massentaugliches Buch, aber für alle, die poetischer anspruchsvoller Literatur etwas abgewinnen können, ein absolutes Muß!
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Poetischer Ekel
Poetischer Ekel
Was die Leser an Cartarescus
Roman
Die
Wissenden
fasziniert, ist nicht sein Inhalt, sondern seine Sprachgewalt
Von Andrea Harbach
Seit seiner Übersetzung ins Deutsche 2007 hat Die Wissenden, der erste Teil einer über 1500 Seiten starken Trilogie des rumänischen Autors Mircea Cartarescu, starke Gefühle beim germanophonen Publikum hervorgerufen. Die Reaktionen reichten von schier grenzenloser Begeisterung (Andreas Breitenstein) über Irritationen wegen zu prätenziöser Wissensdarstellung (Peter Hamm) bis hin zu Gefühlen intellektueller Überforderung (Elke Heidenreich). Die Handlung dieses Buches wiedergeben zu wollen, in dem ein Ich-Erzähler seine Impressionen aus dem sozialistischen Bukarest schildert, ist müssig -- wenn nicht gar unmöglich, wie es der Autor selbst behauptet. Es scheint aber auch gar nicht vorrangig der Inhalt zu sein, der verantwortlich ist für die Wirkung, die das Buch auf seine Leser ausübt. Die stehen nämlich vielmehr im Bann des überwältigenden Erzählstromes des wortgewaltigen Erzählers. Um die gesamte Handlung oder auch nur einzelne Episoden des Romans geht es bei den Besprechungen jedoch auch nur selten; im Vordergrund stehen die sprachlichen Mittel, die der Erzähler zur möglichst präzisen Visualisierung seiner Kindheitserinnerungen, Träume und komplexen Gedankengängen einsetzt.
Was den Stil dieses Werkes auszeichnet, wird deutlich, vergleicht man es mit anderen Bukarest-Schilderungen desselben Autors. An die Stelle nüchterner bis unterhaltsamer Eindrücke wie im Essay Mein Bukarest1 tritt in Die Wissenden ein Konglomerat von Beschreibungen aus unterschiedlichsten Erfahrungsbereichen, Stilebenen und Fachsprachen. Die Absicht, die Anschaulichkeit der Schilderung zu optimieren, lässt den Erzähler immer das passendste Epitheton, die suggestivste Metapher aus seinem scheinbar grenzenlosen Wortschatz auswählen. So profane Kategorien wie Register müssen dabei zwangsläufig zurücktreten. Archaische Wortleichen liegen neben Umgangssprachlichem, mythische und lyrische Klänge werden kombiniert mit präzisesten termini technici. Der Erzähler ist ein meisterhafter Kenner der Botanik und Zoologie und schöpft für Metaphern gleichermassen aus der Quantenlehre wie er seine Kenntnisse in Anatomie und Gehirnforschung für die Formulierung seiner Vorstellungen nutzbar zu machen weiss. Wenn es der Gegenstand erfordert -- wie zum Beispiel die Vermittlung seiner metaphysischen Anschauungen --, schreckt er auch vor abstrakten Passagen nicht zurück.
Ein Terrain, auf dem sich der Erzähler besonders zu Hause fühlt, ist der Ekel, von dem er seinem Leser kaum genug einflössen kann. Dabei bedient er sich mit Vorliebe überdimensionaler Insekten, Giftspinnen, aber auch körperlicher Deformierungen und Wucherungen, und ganz besonders aller denkbaren Körperflüssigkeiten mit einer auffälligen Konzentration auf Sperma und Schleim. Alles Menschliche muss sich dieser Aufspaltung in Hirn und Spermie, in Larve und Geschwulst unterordnen; solange sie nur Statisten sind in seinen Träumen und seinem Bukarest, sind auch die Menschen nur pulsierende Ansammlungen von Schenkeln, Schleimbeuteln und Rotz. Wenn sie aber heraustreten aus dieser Kulisse und zu eigenständigen Akteuren im Leben des Erzählers werden, weiss er von ihren Gewohnheiten, Schwächen und Beweggründen Treffendes zu berichten, mit einer Beobachtungsgabe, die man nur einfühlsam nennen kann. So kommt eklige Poesie heraus, poetischer Ekel, dessen zwingende Magie nicht zu bestreiten ist.
1 In M. Cartarescu, Europa hat die Form meines Gehirns, merz&solitude 2007, S. 39-54, übersetzt von E. Kanterian.
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Textgewaltig - aber inhaltlich schwer zugänglich
Durch eine Rezension im Deutschlandradio Kulutur stieß ich auf dieses Buch, das dem Leser schon eine Menge an Durchhaltungsvermögen abverlangt. Über weite Strecken ergießt sich der Autor in surreale Träume, deren sicherlich vorhandene Metaphorik sich für mich häufig nicht erschlossen hat. Sprachlich ist das Buch ohne jeden Zweifel gewaltig und übt eine Faszination aus, die es trotz der recht unübersichtlichen Handlung lesenswert macht.
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