Spätestens seit Kafkas “Brief an den Vater” weiß man um die psychologische Überhitzung, die gerade unter einander nahestehenden Menschen zu regelrechten Entladungen führen kann. Alles begann im Herbst 2005, als Waris Dirie ihre lebensbedrohlich erkrankte Mutter aus Somalia zu sich nach Wien holte. Schon nach wenigen gemeinsamen Tagen reißen die alten Gräben wieder auf. Die Mutter, westlichen Gepflogenheiten gegenüber misstrauisch und verschlossen, empfindet den Lebenswandel der Tochter als nichtswürdigen Verrat an Heimat und Tradition. Während Waris um ein wenig mütterlichen Stolz für ihr Lebenswerk förmlich bettelt, empfindet diese nichts als Scham und Verachtung für die fremdgewordene Tochter. Wo das Gespräch versiegte, half nur noch die Briefform.
Wie fühlt es sich an zu wissen, dass die eigene Mutter immer noch regen Kontakt zu jener Frau pflegt, die Waris Dirie einst als Kind beschnitten hatte? Schlimme Fragen, die eine Antwort suchen. Außerhalb des Briefkonvoluts recycelt die Autorin noch einmal die Thematik ihrer früheren Bücher. Berichtet über die Schattenseiten ihrer Modelkarriere und die heutigen magersüchtigen Models, die für jeden hungernden Afrikaner einen Schlag ins Gesicht bedeuten müssen. Hadert mit ihrem ganz persönlichen Teufel, dem „bad water“. Und leistet unermüdliche Missionarsarbeit, den Graben zwischen Tradition und Fortschritt am Beispiel der Mutter langsam wieder zuwachsen zu lassen. --Ravi Unger